Vorbemerkung: Hier geht es nicht um tiefgreifende philosophische und historisch korrekte Betrachtungen, sondern um die persönliche Weltsicht eines praktizierenden Bassisten. Man beachte: es heißt nicht Zen und die Kunst …, sondern hier ist von Notwendigkeit die Rede. Es geht also um ein elementares Grundbedürfnis nach der Erzeugung von tiefen Frequenzen und seine Folgen für das innere Seelenleben.
| Dr. Jekyll … |
Zuerst einmal ist der Bass (neben dem Schlagzeug) grundlegend wichtig für jede Art von Band. Jede! (Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel). Eine elektrifizierte Gitarre ist dagegen abkömmlich, wie Bands wie Clatter, Morphine etc. eindrucksvoll beweisen (auch bei Primus spielt die E-Gitarre eine eher untergeordnete Rolle, aber Primus fällt nicht in diese Kategorie).
Speziell im Bandkontext fällt oft der repetitive, fast schon gebetsmühlenartig in Achteln dahinfließende (ja: meditative) Bass auf, ohne den das alles nicht funktionieren würde. Auf vier (manchmal auch weniger) Saiten entfaltet sich der harmonische Kosmos des Stückes, egal, ob Rock oder Jazz. Und auch wenn es einen musikalisch nicht fordert: auf spiritueller Ebene wird man eins mit dem Stück, vereint (hoffentlich!) Harmonie und Rhythmus auf einem Instrument – und es macht einfach Spaß, Bass zu spielen!
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… und Mr. Hyde
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Bei vielen Bassisten regt sich der Wunsch nach mehr an Tönen, Vielfalt, vielleicht sogar - Melodie! Bässe mit mehr und mehr Saiten werden gebaut, zerren an Schultern und Wirbelsäulen, werden bezupt, gestrichen, getappt, geslapt, was das Zeug hält, um den Bass in den Vordergrund zu stellen, damit nunmehr allen klar ist, dass er das vielseitigste(-saitigste), fundamentalste, ja, das einzig notwendige Instrument an Erden ist. Aus dem Versuch heraus, einen erkrankten Drummer zu ersetzen, ersann Larry Graham die Slaptechnik. Mit hohen Saiten und Akkordstrumming ist jeder Gitarrist abkömmlich, und das beidhändige Bearbeiten des Griffbretts macht Keyboarder neidisch (und mit einem MIDI-Pickup sogar entbehrlich!).
Die Missionarsarbeit der ER-Bassisten (extended range, so werden die mehr-als-vier-saitigen Kollegen der Zunft offiziell betitelt) ist löblich, allerdings meist leider vergebens, denn mit den hochtechnisierten Frickeleien, die ein 6-, 7- etc. -Saiter ermöglicht (das Maximum liegt momentan bei 13 Saiten), lassen sich im Grunde nur die beeindrucken, die es eigentlich schon wissen, was sie an diesem Instrument haben: die Bassisten nämlich. Ansonsten zeigt sich das geneigte, dem Bassspielen unkundige Publikum sehr oft überfordert von den hals- und fingerbrecherischen Läufen auf den Bässen.
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Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.
(Goethe, Faust I, Vers 1112) |
Vielfach entwickelt sich daraus innerhalb der Zunft ein Glaubenskrieg: meinen doch die einen, der Kern des Bassspielens sei die meditative Versenkung in der konspirativen Gemeinsamkeit einer Band, wobei sie (zu Recht) die Bedeutung der Pause im Groove hervorheben (Wu-Wei in Vollendung: Tun durch Nicht-Tun). Die anderen sehen die fast unbegrenzten Möglichkeiten als das So-sein des Basses an und wollen dies auch ausschöpfen.
Einige wenige bewegen sich zielsicher zwischen dem Yin des Solierens und dem Yang des banddienlichen Spiels, und darin liegt wahrscheinlich auch der Kern des Basses: ein allumfassendes Werkzeug, das gerade durch sein selbstloses Aufgehen im Nirvana der Musik seine innere Größe beweist. Er will zusammenführen, nicht spalten, und wird, wie die Geschichte leider immer wieder beweist, zutiefst mißverstanden. Bedenken wir: egal, in welchem Kontext sich musikalisches Wirken entfaltet, der Weg ist das Ziel – und der Bass ist der Weg.